Die ManosphereZwischen Selbstfindung und Frauenhass
Welche Vorstellungen von Männlichkeit prägen Jugendliche heute — und wie können Lehrkräfte darauf reagieren?
Obwohl heutzutage Gleichberechtigung und Vielfalt gesellschaftlich einen hohen Stellenwert einnehmen, steigt gleichzeitig die Zahl junger Männer mit sehr traditionellen und teils auch frauenfeindlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Geschlechterbeziehungen. Zunehmend kommt diese Entwicklung auch in den Klassenzimmern an.
Historisch galt lange der starke und dominante Mann, der seine Emotionen kontrolliert und sich durch Tapferkeit auszeichnet, als Ideal. Diese Vorstellung herrschte bereits in der Antike vor und wurde in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit der Trennung der beiden Geschlechter in zwei separate Sphären noch weiter verstärkt. Erst im späten 20. Jahrhundert geriet durch die Frauenbewegung dieses patriarchale Konzept der hegemonialen Männlichkeit zunehmend ins Wanken. Emanzipationsbewegungen und Gleichstellungspolitik haben zwar dazu geführt, dass Gleichberechtigung und Vielfalt auf breiten gesellschaftlichen Konsens stoßen und es eine Bandbreite möglicher Männlichkeiten gibt — zugleich sind die traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit jedoch keineswegs verschwunden.
Hegemoniale Männlichkeit
Der von der australischen Soziologin RaewynConnell geprägte Begriff bezeichnet eine dominante Form von Männlichkeit innerhalb eines Systems verschiedener Männlichkeiten, der alle anderen Männlichkeitsentwürfe untergeordnet sind. Die hegemoniale Männlichkeit dient dazu, die Dominanz von Männern im Geschlechterverhältnis — und damit die Unterordnung der Frau — fortzusetzen.
Gerade bei Jugendlichen führt diese große Vielfalt von Männlichkeiten — vom androgynen Popstar wie Harry Styles bis hin zu hypermaskulinen Influencern — nicht zwangsläufig zu mehr Orientierung. In einer sensiblen Phase wie der Pubertät ziehen die widersprüchlichen Erwartungen, die an sie als junge Männer gestellt werden, häufig Verunsicherung nach sich. Vermeintlich einfache Antworten können im Fall ambivalenter Emotionen besonders gut verfangen.
Phänomen Manosphere: Nicht Ursache, sondern Verstärker
Das transnationale Phänomen der Manosphere gewinnt in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung, denn es setzt gezielt bei Einsamkeit, Frust und Beziehungsproblemen junger Männer an. Die Manosphere (zu Deutsch: Manosphäre) bezeichnet ein loses Netzwerk von Online-Communities, Influencern und Plattformen, die Männlichkeit thematisieren und dabei frauenfeindliche Inhalte verbreiten. Innerhalb dieses Netzwerkes sind verschiedene Gruppierungen auszumachen, darunter:
> Pick-up-Artists: Geben vermeintliche Dating-Tipps, die letztendlich darauf abzielen, Frauen zu manipulieren.
> Maskulinitäts-Coaches bzw. Alpha Males: Influencer, die das Ideal des »Alpha-Mannes«, also eines dominanten, extrem selbstwussten Mannes, verbreiten.
> Incels (involuntary celibates): Leben nach eigener Aussage unfreiwillig im Zölibat und machen Frauen kollektiv dafür verantwortlich. Vertreter dieser kleinen Gruppe gelten als besonders radikal und potenziell gewaltbereit.
> Männerrechtler: Verstehen Männer als diskriminierte Gruppe.
Diese Gruppierungen eint laut Politikwissenschaftler Dominik Hammer eine Krisenerzählung von Männlichkeit, wonach moderne Männer nicht mehr so stark wie früher beziehungsweise verweichlicht seien. Als Grund wird dafür zum Teil eine vermeintlich auf Frauen ausgerichtete Gesellschaft gesehen. Daraus speist sich ein tief verwurzelter Frauenhass.
Hammer arbeitet am Berliner Institute for Strategic Dialogue (ISD) und war maßgeblich an einer Pilot-Studie zur Manosphere-Szene im deutschsprachigen Raum beteiligt, die im Mai 2025 unter dem Namen »Mapping the Germanosphere« veröffentlicht wurde. Die Forscherinnen und Forscher des ISD und der Freien Universität Berlin haben im Rahmen der Studie frauenfeindliche Inhalte im Internet gesammelt, klassifiziert und analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die deutschsprachige Szene sich in ihren Narrativen, Konzepten und Strukturen kaum von der englischsprachigen Manosphere unterscheide. Auch bei den Persönlichkeiten gebe es Überschneidungen zwischen den Szenen. Etwa sei der Brite Andrew Tate, international einer der bekanntesten Vertreter der »Alpha Male«-Gruppe, auch für viele Akteure der deutschen Szene ein großes Vorbild.
Die Codes und Narrative der Manosphere sind international gleich und schaffen über Länder- und Sprachgrenzen hinweg ein Zugehörigkeitsgefühl. In der »Incel«-Community werden etwa folgende Codes in Form von Emojis häufig genutzt:
> 🧨Dynamit: Wird als identitätsstiftende Selbstbezeichnung eines »Incels« eingesetzt.
> 💯100-Emoji: Symbolisiert die »80/20-Regel«, wonach nur ein kleiner Teil der Männer (20 Prozent) für den Großteil der Frauen (80 Prozent) als attraktiv gelte.
> 💊 Rote Pille: Nimmt Bezug auf die Verwendung der roten Pille im Film »Matrix«, die in die »wahre Realität« führt. In der Szene verweist die rote Pille auf die vermeintliche Erkenntnis, dass Frauen manipulativ seien und Männer systematisch benachteiligt würden.
Dass diese misogynen Inhalte bei jungen Menschen im deutschsprachigen Raum verfangen, zeigt zudem eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) vom Februar diesen Jahres. Untersucht wurde, wie Soziale Medien — bzw. in diesem Fall TikTok — Geschlechterbilder und Werte junger Männer prägen. Demnach beziehen neun von zehn Jugendlichen ihr Weltbild aus Social Media. Bei 26 Prozent der Jungen sind die Anschauungen geprägt von der Vorstellung einer »natürlichen« männlichen Dominanz, politisch rechter Orientierung, Feindlichkeit gegenüber queeren Personen, Klimakrisenskepsis und Unzufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland. Ferner befürworteten nur 43 Prozent der Befragten gleiche Rechte und Chancen für Männer, Frauen und non-binäre Personen.
»looksmaxxing« und die Manosphere
Ein weiterer Social Media-Trend, der eng mit der Manosphere in Zusammenhang steht, ist das »Looksmaxxing«. Darunter summiert sich eine Online-Szene, in der junge Männer durch gefährliche Schönheitspraktiken einem bestimmten Männerbild entsprechen möchten. Dabei werden frauenfeindliche, rassistische und rechtsradikale Denkmuster verbreitet.
Ein entscheidender Grund für die Wirkungskraft der Manosphere liegt in ihrer Strategie der schrittweisen Annäherung. Häufig kommen junge Männer zunächst über scheinbar unproblematische Themen wie Fitness, Erfolg oder Selbstoptimierung mit den Inhalten in Kontakt. Frauenfeindliche Ideologie und toxische Männlichkeitsbilder werden erst im weiteren Verlauf transportiert. Verstärkt wird das durch die Funktionsweise der Social Media-Algorithmen, die Inhalte fördern, die Aufmerksamkeit erzeugen — und so immer extremere und radikalere Beiträge anzeigen.
Wie groß der Einfluss der Algorithmen auf die Entwicklung ist, belegt auch eine Studie des Anti-Bullying Centre der Dublin City University aus dem Jahr 2024. Die Forscher haben anhand von zehn experimentellen Konten untersucht, wie Algorithmen bei TikTok und YouTube Shorts jungen Männern innerhalb kürzester Zeit frauenfeindliche und hypermaskuline Inhalte vorschlagen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass alle als männlich identifizierten Konten unabhängig vom ursprünglichen Suchverhalten innerhalb der ersten 23 Minuten nach Anmeldung mit maskulinistischen, antifeministischen und anderen extremistischen Inhalten konfrontiert wurden. Bei Interesse an den Inhalten steigerte sich die Menge der Empfehlungen rapide: nach etwa 400 angesehenen Videos waren die Empfehlungen zu dreiviertel toxische Inhalte aus dem Bereich der Manosphere.
Über Narrative aufklären und Medienkompetenz stärken
Um dem Einfluss der Manosphere auf das Weltbild junger Männer etwas entgegenzusetzen, seien Medienkompetenz und Aufklärungsarbeit essenziell, sagt Paula Matlach, die neben Hammer an der Studie »Mapping the Germanosphere« beteiligt war. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern können Lehrkräfte die Funktionsweise von Algorithmen behandeln sowie die Strategien von Influencern analysieren. Zugleich sollten die Narrative der Szene kritisch hinterfragt und Gleichberechtigung thematisiert werden. Daneben ist es wichtig, Schülern Raum zu geben, um die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und emotionale Kompetenzen zu stärken.
Weitere Infos zum Thema
> Sechsteiliger Podcast »Taking the Red Pill — Einstiegsdroge Antifeminismus« zu Antifeminismus von der Bundeszentrale für politische Bildung
> nano-Talk vom 21.05.2026: Expertenrunde mit Sozialwissenschaftlerin, Evolutionsbiologe und Psychologe zum Thema: »Männlich — toxisch? — Männer und ihre Rollenbilder«
> ARD »Die Story«: »Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit!«, nano Doku: » Kult der Alpha-Males: Was junge Männer in die Manosphere treibt
> Mehr zu Männlichkeit im Wandel und Manosphere im Mythencheck: Spektrum Kompakt, 18/2026, Männer
> Social Media-Projekt und Doku-Hörspiel: »Hacking the Manosphere« — künstlerisch-kreativer Ansatz, um gegen Radikalisierungsprozesse und Manosphere-Narrative vorzugehen.
> ZDFinfo-Doku »Gefährlicher Trend ›Looksmaxxing‹«
Autorin: Iris Janda
Dieser Artikel erschien zuerst in “Das Gymnasium in Bayern”, Ausgabe 04/2026

